bündnis bahn für alle

Richtige Fahrkarte, falscher Zug

13.5.2008. Ein Zug ist ein Zug ist ein Zug - die Fahrkarte gilt für die Bahn. Das war einmal. Schon jetzt können Bahnfahrerinnen und Bahnfahrer merken, was Wettbewerb auf der Schiene tatsächlich für sie bedeuten würde: Plötzlich mit der richtigen Fahrkarte im falschen Zug zu sitzen. Grund ist die Trennung in Nahverkehr und Fernverkehr, die dazu führt, dass den Bahnunternehmen die Fahrgäste egal sind.

Weiße Züge sind Züge des DB-Fernverkehrs. Rote Züge sind Züge des DB-Nahverkehrs. Dann gibt es noch blaue, gelbe, grüne Züge von anderen Nahverkehrsanbietern.

Dem Kunden ist es egal, in welchem Zug er sitzt. Er fährt Bahn. Er hat einen Fahrplan, der Abfahrt, Ankunft, Anschlüsse ausweist. Den Bahn-Unternehmen ist es nicht egal, denn es geht ihm um Geld, nicht um Fahrgäste.

Der Nahverkehr wird von den Ländern (oder Verkehrsverbünden) bestellt und bezahlt. Über den Fernverkehr (IC, ICE) entscheidet das Bundesunternehmen Deutsche Bahn AG alleine. Es entscheidet, ganze Linien zu streichen oder einzelne Verbindungen, so dass ein Taktverkehr auf vielen IC-Linien schon heute nicht mehr besteht, weil durch zahlreiche Fußnoten (verkehrt nur Sonntag, verkehrt täglich außer Freitag...) in den Städteverbindungen eingeschränkt.

Den Unterschied zwischen Nahverkehrszug und Fernverkehrszug kann der Fahrgast im Sitzen erspüren, wenn er länger als eine Stunde im Nahverkehr fährt. (Es ist auch möglich, zwei Stunden und länger in einem Nahverkehrszug zu reisen - in die gleiche Richtung.) Zudem mangelt es in Nahverkehrszügen meistens an Möglichkeiten, größere Gepäckstücke abzustellen. Die stehen darum im Gang, im Eingang, auf Sitzen. Und, vor allem für Familien hart: Im Nahverkehr können keine Plätze reserviert werden. Da werden Eltern und Kinder schnell zwangsgetrennt statt beisammen zu sitzen.

In Nahverkehr und Fernverkehr gelten oftmals verschiedene Preise. Wer mit einer Nahverkehrskarte ohne IC-/ICE-Aufpreis oder gar mit einer Verkehrsverbund-Fahrkarte im Fernverkehr sitzt, muss nachzahlen, im stursten Fall aussteigen.

Die Vertaktung zwischen Nah- und Fernverkehr, wie jetzt von der SPD und per Bundestagsbeschluss gefordert, ist bereits heute mangelhaft. Nahverkehrszüge warten nicht unbedingt auf einen verspäteten Fernverkehrszug - denn die Besteller-Verträge mit den Ländern oder Verkehrsverbünden sehen eine Strafe für Verspätungen vor. Da ist es dem Nahverkehrs-Anbieter egal, ob die Fahrgäste am Bahnsteig 55 Minuten auf den nächsten Zug warten müssen und sich so die Gesamtreisezeit verlängert - Hauptsache, der einzelne Zug war pünktlich!

Und umgekehrt verweigert der Fernverkehr der DB den verspäteten Fahrgästen jede Entschädigung - denn der Fernverkehrszug war keine Stunde, sondern nur 20, 15 oder fünf Minuten zu spät. Der Nichtanschluss an den fahrplanmäßigen Nahverkehr liegt schlichtweg in niemandes Verantwortung.

Wohlgemerkt: Hier geht es meistens um Nahverkehr und Fernverkehr eines Unternehmens und seiner Unternehmenstöchter, der DB AG. Würden weitere, ganz andere Anbieter auftreten, wäre ein einheitlicher Fahrplan mit gesicherten Anschlüssen, ein einheitlicher Fahrschein, jede Verlässlickeit verloren.

In Großbritannien besteht das Kursbuch bereits aus zahlreichen Einzelheftchen, die Fahrkarte durchs ganze Land aus einem Bündel von Tickets. Und leider kein Horrorszenario: Wenn es in Großbritannien zu einem Zugunglück wie kürzlich in Deutschland zwischen Fulda und Würzburg kommt, dann schieben sich verschiedene Firmen die Verantwortung zu: Der Streckenbetreiber, der Zugbetreiber A, der Zugbetreiber B, der Vermieter der Waggons, vielleicht noch die Leiharbeitsfirma, die den Lokführer beschäftigt... Auf der Strecke bleibt: der Kunde.

Was ist der Reiz des Bahnfahrens? An den Bahnhof gehen, mit der Fahrkarte in den nächsten Zug einzusteigen und zu wissen, dass es mindestens stündlich Anschlüsse gibt. Die Trennung in Nah- und Fernverkehr zerstört diesen Komfort schon heute. Ein weiterer Wettbewerb verschiedener Anbieter würde dazu führen, dass noch öfter Menschen im richtigen Zug mit der falschen Fahrkarte sitzen oder beim Umsteigen an Bahnhöfen stranden.

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